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"Burschi von der Vorstadtsiedlung - Meine Hundstage"
von Kurt H.
Steindl
Leseprobe:
Burschi und das Lieschen von der Post
Stellt euch vor, ich hab meinen ersten Postmann
aufgebraucht. Jawohl, ihr habt richtig gelesen –
aufgebraucht hab ich ihn. Dem ist wohl endgültig die
Angst vor mir zuviel geworden. Kein Wunder, dem hab
ich ja schließlich wilde Zaunraufereien geliefert.
Na, jedenfalls kneift er und lässt sich nicht mehr
blicken. Und jetzt der Gipfel! Wen glaubt ihr hat
man als Ersatz geschickt? Einen Hünen, mit
ausreichender Hunde-Kampferfahrung? Weit gefehlt! Du
kriegst die Tür nicht zu – eine Frau! Jawohl, dem
wilden und allseits gefürchteten Burschi, den
alle Postler zwischen Scheibbs und Nebraska fürchten
wie das Ungeheuer von Loch Ness, dem schickt man
eine Frau! Und dann noch so ein niedliches kleines
Ding mit roten Zöpfen, das kaum über den Zaun sieht.
Eine
standfeste Walküre hätte ich ja noch akzeptiert,
wäre ja vielleicht mitunter eine amüsante Rauferei
geworden. Aber so eine Träne! Natürlich hab ich erst
mal verwundert geguckt - auf so etwas ist man ja
nicht vorbereitet - aber heutzutage muss man
schließlich nehmen was kommt und so hab ich ihr
gleich mal gezeigt, mit wem sie es zu tun hat.
Als
ich gerade zum zweiten Mal versuche, über das Gatter
zu springen, schreit die Tante plötzlich los wie am
Spieß und kriegt sich gar nicht mehr ein. Steht da
mitten auf der Straße, zittert wie Nachbars Katze
bei meinem Anblick und heult sich die Seele aus dem
Leib. Natürlich war ich verdutzt. Da erwartet man
einen baumlangen Kerl, mit Schultern wie ein alter
Bauernkasten, der bereit ist, es mit mir
aufzunehmen, aber statt dessen kommt da dieses
bisschen Frau und dann heult diese Träne auch noch.
Ich hab doch glatt aufs Übern-Zaun-springen
vergessen und wohl ziemlich blöde aus der Wäsche
geguckt. Man kann mir ja vieles nachsagen, aber
heulende Weiber sind nicht mein Bier und wenn ich
Tränen sehe, dann muss ich meistens mitheulen. Ich
bin halt ein feinfühliger Kerl. Ich halt´ mich
deshalb zurück, wenn sie kommt, die Heulsuse. Aber
kürzlich hab ich ihr dann doch eine Lektion erteilen
müssen.
Das
Gartentor war offen und ich mach gerade eine kleine
Schnüffeltour in Richtung Garage, da kommt doch mein
Lieschen von der Post um die Ecke geradelt. Ein Lied
auf den Lippen und mächtig fröhlich strampelt die
einher. Ich duck´ mich in die Büsche und mach mich
ganz klein. Warte bis sie vorbei ist, schleiche um
die Ecke und als sie die Briefe in den Kasten
schieben will, stehe ich einen Meter hinter ihr und
knurre. Nicht laut, nur so gerade ein wenig.
Hund,
ist die vielleicht weiß geworden. Und steif. Und
Augen hat die gekriegt, so große habe ich noch nie
gesehen. Herrlich, wenn man so ernst genommen wird.
Um meine Gefährlichkeit zusätzlich zu untermauern,
hab ich noch meine Nackenhaare etwas in Positur
gebracht und bin aufreizend langsam noch einen
halben Schritt auf sie zu. Aber anstatt, dass sie
schreiend wegläuft und ich sie prima hetzen kann,
bleibt die dumme Kuh einfach steh´n.
Spielverderberin, blöde! Ich hab dann noch das Beste
aus der Situation gemacht. Bin ganz nah an sie ran
und hab sie ungeniert abgeschnuppert. Herrlich nach
Angst hat die gerochen und sooo heftig gezittert. Es
war toll.
Ich
koste es gerade so richtig aus, da höre ich doch die
Stimme von meinem Gottobersten:
„Mistvieh elendes, rein in den Garten! Aber
schnell!“ ihr wisst ich mag keine Anreden, die mit
einem Rufzeichen enden, aber bei meinem Herrn und
Gebieter drücke ich beide Augen zu. Schade nur, dass
er überhaupt kein Einfühlungsvermögen hat. Ich
demonstriere gerade meine Macht auf höchster Ebene
und er meint, ich soll einfach weggehen. Aber die
Tante gibt sowieso nicht mehr viel her. Also hebe
ich träge das Bein und pinkle ihr ausgiebig ans Rad.
Ich weiß, ein billiger Triumph, aber schön war´s
doch. Und dann bin ich sehr, sehr langsam durch das
Tor geschlendert. Natürlich noch ein tiefer Knurrer
in Richtung Post, aber die Arme war sowieso schon zu
Stein erstarrt.
Seitdem hüpft die schon hundert Meter vor dem
Gartentor vom Rad und schiebt es vorsichtig um die
Ecke. Ständig angstvoll um sich blickend. Ich sehe
sie ja meist schon kommen und genieße es. Meist
stehe ich nur da und sehe ihr tief in die Augen.
Manchmal knurre ich ein wenig, aber nicht viel. Die
Arme verträgt halt nicht mehr und ich bin ja
anpassungsfähig.
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Buchtitel: "Burschi von der Vorstadtsiedlung –
Meine HundsTage"
Autor: Kurt H. Steindl
Seiten: 216,
gebunden (kein
Taschenbuch, sondern ein "richtiges")
Verkaufspreis: € 14,90
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